Bevor ich jetzt hier alles nochmal extra schreibe, kriegt ihr jetzt einfach meinen letzten Rundbrief zu lesen, ok? :-)
Hallo meine Lieben,
eigentlich wollte ich euch einen schönen letzten Rundbrief schicken. Noch vor einer Woche hätte auch nichts gegen diesen Plan gesprochen, doch die Ereignisse der letzten Tage rücken das Ganze in ein etwas anderes Licht. Ich warne euch jetzt gleich einmal vor. Dieser Rundbrief wird ein sehr persönlicher werden, und er wird wohl auch größten Teils durch anderes als die Arbeit beansprucht werden, aber daran kann ich jetzt leider nichts ändern. Ich habe einfach das Gefühl, dass ich darüber schreiben, darüber berichten muss. Denn dieses Jahr besteht ja nicht nur aus Arbeit, sondern auch aus meinem restlichen Leben. Und um dieses wird sich dieser letzte Rundbrief aus Malaysia an euch drehen.
Am letzten Mittwoch erreichte uns die äußerst schockierende und traurige Nachricht, dass sich ein französischer Freund von uns das Leben genommen hatte. Er stürzte sich am Dienstag, den 21. Juli 2009 vom Balkon seines Apartments. Warum? Keiner weiß es. Die Nachricht erhielten wir etwas unpassend in einer kleinen Zwischenpause im Kindergarten. Man kann sich also vorstellen, dass wir danach alles andere als in guter Stimmung waren die Kinder weiter zu unterrichten. Und doch war es immer noch möglich. Denn zu diesem Zeitpunkt weigerten sich sowohl unser Kopf als auch unser Herz diese Tatsache zu akzeptieren. Nein, das kann unmöglich Tom gewesen sein. Nein, nicht der liebe, lustige, sportliche Tom. Das muss ein Irrtum sein. Leide war es keines… Und so fanden wir uns am Donnerstag um 11 Uhr morgens in Kuala Lumpur zu seiner Trauerfeier ein. Viele waren gekommen. Viele, die von ihm Abschied nehmen wollten, die es, genau wie wir, einfach nicht fassen konnten. Die Trauerfeier war, wie jede andere auch, einfach schrecklich. In diesem kleinen Raum zu sitzen, den Sarg vor sich zu sehen, in dem unser Freund Tom liegen sollte, den Freunden zu lauschen, die ein paar Worte sprachen, die Fotos zu sehen, und all die Blumen, das war furchtbar. Ich glaube ich habe während der ganzen Zeit gezittert…
Hinterher wollte keiner alleine sein und so beschlossen wir zusammen noch etwas essen zu gehen. Marina machte sich auf den Weg nach Penang und allein der Gedanke den Abend und die Nacht alleine in unserem Apartment zu verbringen war bedrückend genug, dass ich alles daran setzte diese Nacht in KL bleiben zu können. Vielleicht hat mir diese Entscheidung einen ganzen Haufen erspart…
Denn… heute Morgen, als ich beschloss nach hause zu fahren, ahnte ich noch nicht, was auf mich zu kommen würde. Kaum hatte ich die Tür geöffnet beschlich mich das leise Gefühl, das etwas nicht stimmte. Mein Laptop fehlte. Ok, kein Drama, vielleicht hatte die Marina ihn ja wo anders hingeräumt. Hier gesucht, da gesucht, nichts gefunden. Also schnell mal die Marina angerufen. Nein, sie habe mit dem Laptop nichts gemacht. Ob denn sonst noch etwas fehle. Also schnell in mein Zimmer. Nächster Schock: Mein ganzes Geld ist weg! Und mein Handy auch! Also rüber in Marinas Zimmer. Glücklicherweise hatten die Diebe ihren Laptop nicht entdeckt. Dafür auch hier ein Schock: Ihr Vertragshandy fehlte. Geld hatte sie zu diesem Zeitpunkt zum Glück kaum in der Wohnung. Völlig am Ende beschloss ich sogleich die Leiterin zu informieren, welche auch sofort kam und mich, aufgelöst wie ich war, erst mal beruhigte. Danach ging es weiter zur Polizei usw. Ich bezweifle, dass ich von meinen Sachen jemals wieder etwas sehen werde. Aber was solls…
Wie ihr seht können 4 Tage alles verändern. Ich hätte nie gedacht, dass mir so kurz vor der Heimreise noch so viel, Verzeihung wenn ich das jetzt so ausdrücke, Scheiß passieren kann. Aber es kann, das wurde mir diese Woche wieder einmal gezeigt. Vielleicht hatte ich trotzdem Glück. Wer weiß, was alles hätte passieren können, wäre ich in der Wohnung gewesen…
Diese Woche hat mir wieder einmal erschreckend nahe vor Augen geführt, was alles passieren und wie schnell alles vorbei sein kann. Genauso wie unser Jahr in Übersee. Kaum sind wir aufgebrochen, schon müssen wir wieder zurück. So kommt es mir jedenfalls vor. Und das, obwohl wir zwischendurch so viele Probleme hatten.
Der heutige Tag hat mir aber auch wieder einmal klar gemacht, wie sehr die Menschen hier um uns besorgt sind und sich um uns kümmern. Unsere Nachbarin war sofort zur Stelle und auch die Kindergartenleiterin kam so schnell wie es nur möglich war. Sie haben mich beruhigt, sich um mich gekümmert, sind mit mir zur Polizei, haben elendig lange Wartezeiten mit mir durchgestanden, immer wieder ein aufmunterndes Wort auf den Lippen gehabt und sich um mein leibliches Wohl gekümmert. Dafür werde ich mich mit Sicherheit noch öfter als einmal bedanken. Genauso wie bei meiner Familie, die immer für mich da war und mich unterstützt hat (und natürlich dies alles auch immer noch macht ;-) ), bei der Marina, die mit mir durch alle Höhen und Tiefen gegangen ist, beim Kindergarten und seiner Leiterin Mrs. Yong Yoon Yen (auch wenn es nicht immer leicht war), der Organisation Mission eineWelt und allen anderen, die ich jetzt vielleicht vergessen habe (ist nicht böse gemeint…).
Die letzte Zeit im Kindergarten verbringen wir eher ruhig. Letzte Woche wurde fleißig mit jeder Klasse Nudelsuppe zubereitet und natürlich anschließend verdrückt und die noch verbleibende Zeit bis zu unserer Abreise verbringen wir mit den verschiedensten Lernspielen. Vielleicht bleibt uns auch noch die Zeit (in unserer letzten Woche vielleicht?) unseren letzten kleinen Traum zu verwirklichen. Und zwar Fingerfarben! Wir würden nämlich wahnsinnig gerne mit den Kindern in Badesachen nach draußen gehen (ist ja immer heiß genug dafür) und ihnen dann einfach Fingerfarben zur Verfügung stellen, damit sie sich gegenseitig von oben bis unten anmalen können. Das Ganze ist auch hinterher wieder leicht abwaschbar und dürfte von dem her kein Problem geben. Drückt uns die Daumen, dass das klappt! Wäre das nicht ein Heidenspaß?
Einen ausführlichen Jahresrückblick, eine Reflektion usw. könnt ihr dann in meinem Abschlussbericht nachlesen, der zurück in Deutschland, verfasst und verschickt werden wird.
Bis dahin hoffe ich, dass ihr gesund und munter bleibt und ich (und natürlich Marina) noch die verbleibende Zeit ohne weitere Dramen verbringen kann und alles ein „Happy End“ nehmen wird.
Ich freue mich schon sehr auf Deutschland (und das Essen :-) ), obwohl mir das hier auch alles sehr fehlen wird. Es ist ein Stück weit eine zweite Heimat für mich geworden. Und ich bin mir sicher, dieses wird sicher nicht mein letztes Mal hier in Malaysia gewesen sein…
Eure Rahel
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