Heute war der erste Tag im neuen Schuljahr hier in Malaysia und dieser hat mich doch sehr ins Grübeln gebracht. Nicht nur, wie sie hier die Zukunft behandeln, sonder auch bei uns zuhause im guten alten Deutschland.
Doch lasst mich erst einmal meinen heutigen Tag beschreiben. Angefangen hat dieser bei mir um 8.00 Uhr. Ich kam an und stand erst einmal etwas ratlos herum, da ich nicht wusste was ich machen könnte, wo Hilfe gebraucht wird usw. Eltern bombardierten mich mit Fragen und zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich sie alle an die verschiedensten Lehrer weiterverweisen musste, da ich keinen blassen Schimmer hatte. Seis drum. Endlich fand ich die Kindergartenleiterin Miss Yong, die mir auch freundlicherweise mitteilen konnte, wohin es mich an diesem ersten Tag verschlagen würde. Vormittags mit dem Fei in die 4 Orange, nachmittags in die 4 Green. Falls ihr nicht auf anhieb wisst, was es mit der 4 Orange und der 4 Green auf sich hat, denkt euch nichts dabei, hatte ich am Anfang auch nicht. Also die 4-jährigen sind die Jüngsten hier im Kindergarten, also diejenigen, die an diesem heutigen Tag zum ersten Mal mit ihrer blauen Schuluniform als waschechte Kindergartenkinder das Kirchengebäude betraten. Falls ihr euch noch an euren ersten Kindergarten- oder Schultag erinnern könnt, oder an den eurer Kinder, wisst ihr sicher, wie das in Deutschland so abläuft. Sobald die Mami oder der Papi weg ist, ist das Geschrei groß, nicht bei allen, aber bei vielen (bei mir war das damals nicht der Fall). So war das auch hier keines Falls anders. Nein, die Kleinen blärrten sich die Seele aus dem Leib. Blöd nur, dass ich mir total hilflos vorkam. Zwar konnte ich sie auf den Arm nehmen, sie wiegen und ihnen den Kopf streicheln, aber mit aufmunternden Worten konnte ich nicht dienen... Die lieben Kleinen verstehen ja noch kein Englisch (wer kann es ihnen verdenken...). Naja, zu guter Letzt schafften wir es dann doch etwas Ruhe in die Klasse zu bringen und konnten den Kindern beim Spielen zuschauen. Das war das erste Mal, dass ich die Kinder spielen sah! Und ich glaub, das ist auch nur in der ersten Woche so... Jedenfalls wollte sich einer der Jungen einfach nicht beruhigen und steigerte sich so extrem in sein ich-will-heim-zu-Mama hinein, das er sich letztendlich übergab. Puh, so schnell war ich mit einem Kind noch nie auf der Toilette J. War aber leider schon zu spät.
Und wenn ich dachte, von dem eben erlebten gäbe es keine Steigerung mehr, hatte ich mich deutlich geschnitten. Der Vormittag war im Vergleich zum nun folgenden Nachmittag ein Klacks. In der 4 Green hatte sich nämlich scheinbar die Hälfte der Klasse in den Kopf gesetzt, den Lehrern das Leben schwer zu machen. Was mich zugegeben etwas mitnahm war die Tatsache, dass ich eines der Mädchen mit meinem Aussehen wohl so geschockt haben musste, das sie einen Angstschrei ausstieß und von diesem Moment an schrie und tobte und weinte was das Zeug hielt. Wirklich nur wegen mir? Ich weiß es nicht. Aber im ersten Moment hatte das jedenfalls diesen Anschein und das hat mich dann doch etwas erschüttert. Andererseits, kann man es ihr verdenken? Ich meine, wenn ich meinen ersten Kindergartentag gerade erleben würde, total aufgeregt und etwas ängstlich wäre und dann taucht neben mir auch noch ein Chinese auf, was ich vielleicht noch nie in meinem Leben zuvor gesehen habe, würde ich dann nicht auch zu schreien anfangen?
Es fanden sich jedoch noch genügend andere Kinder, die getröstet werden wollten und die scheinbar keinen großen Wert darauf legten, ob es sich dabei nun um einen Europäer oder einen Chinesen handelte. Das kleine Mädchen, dass auf meinem Schoß Platz genommen hatte, war einfach nur niedlich und tat mir äußerst Leid, wie es da so kläglich vor sich hinweinte und –jammerte. Blöd war nur, dass ihr das Schreck-Mädchen genau gegenüber saß. Jedes Mal wenn sich meine Kleine dazu entschloss sich zu beruhigen schrie die andere gerade wieder besonders laut und klagend und riss die Meine leider jedes Mal wieder mit. Puh, das war anstrengend. Nebenbei tobten ein paar Jungs auf dem Boden, schlugen andere Lehrer und versuchten aus der Tür, die die Lehrerinnen vorsichtshalber abgeschlossen hatten, auszubrechen. Vergebens. Sie war zu. Wie muss einem Kind wohl zu Mute sein, das zum ersten Mal das Gefühl hat, von Mutter und Vater verlassen worden und dann auch noch eingesperrt zu sein. Irgendwie konnte ich diese Jungs verstehen. Sie taten mir aufrichtig leid. Etwas schockiert war ich dann allerdings, als diese nicht nur von den Lehrern getröstet sondern von einem anderen auch noch gefilmt und fotografiert wurden! Das fand ich einfach völlig unangebracht und ich hätte ihm am liebsten die Kamara aus der Hand gerissen. Ein anderer, etwas pummeliger Junge, der zuerst noch die Ruhe selbst war und alles still hingenommen hatte, begann nun auch Terror zu machen. Ich glaube, er hielt einfach diesen Lärm nicht aus. Jedenfalls wollte der nun auch einfach nur noch zu seiner Maaaaaaaaamiiiiiii. Nun, dort wäre ich in dem Moment auch am Liebsten gewesen. Doch weder er noch ich konnten zu unserer Mami und so mussten wir schauen, dass wir die Zeit im Kindergarten rumbringen.
Nach dem Gang zum Klo mit der gesammelten Mannschaft, weigerte sich dann jedenfalls dieser Junge auch nur einen Schritt weiterzugehen und setzte sich auf den Boden, oder besser legte sich, strampelte mit den Beinen, fuchtelte mit den Armen und gab ein herzzerreißendes Schluchzen von sich. Die Lehrer standen hilflos herum, doch ich packte ihn einfach, hob ihn hoch, was wegen des Gewichts gar nicht so einfach war, trug ihn ins Klassenzimmer und setzte mich mit ihm auf einen Stuhl. Ich hielt ihn wie ein Baby und blöderweise ist er dann so auf meinem Arm eingeschlafen. An sich kein Problem, wenn nicht mein Arm angefangen hätte, taub zu werden. Also haben wir ihn auf einen Stul gesetzt, den Kopf auf den Tisch gelegt und so schlief er dann seelenruhig bis zum Ende des Unterrichts. Der Knabe muss wirklich erschöpft gewesen sein, anders kann ich mir einfach nicht erklären, wie man bei so einem Lärm nur schlafen kann. Soweit zu meinem heutigen Tag.
Und jetzt sitze ich hier und überlege mir, wie wir wohl in Deutschland damit umgegangen wären? Nun, ein Unterschied wäre klar, dass ich mit den Kindern hätte reden können und sie somit viel besser hätte beruhigen können. Doch sonst, was wäre anders? Heute Morgen dachte mich mir noch, wow, wie krass. Das hätten wir in Deutschland aber anders gemacht. Hätten wir wirklich? Und wenn ja, was? Mehr als trösten kann man weinende Kinder doch nicht. Vielleicht wären die Mütter da geblieben, nicht gleich gegangen. Aber wäre das so viel besser gewesen? Dann ist es für das Kind doch am nächsten Tag noch viel schwieriger, sich damit abzufinden, dass die Mama weggeht. Ein klarer Vorteil des dt. Kindergartens ist auf jeden Fall die Tatsache, dass wir altersgemischte Gruppen haben. So kommen in jede Gruppe jedes Jahr ein paar Kleine, Neue, aber man hat nicht die große Aufgabe vor einer komplett neuen Gruppe zu stehen. Ebenso haben die Jüngeren jemanden an den sie sich halten können. Jemanden, der ihnen sagt, schau mal, ich bin jetzt schon das zweite Jahr hier und so schlecht ist das gar nicht. Ja, das ist eindeutig besser.
Doch jetzt einmal allgemein zu den gravierenden Unterschieden zwischen einem chinesischem und einem deutschen Kindergarten. An meinem ersten Arbeitstag wurde ich hier total überrumpelt mit dem, was sie Kindergarten nennen und wie sie mit dem Nachwuchs umgehen. Mir ist sofort alles Schlechte daran aufgefallen. Doch jetzt nach einiger Zeit merkt man auch die Vorteile davon zu schätzen. Ich kann jetzt schon sagen, dass ich weder mit der einen, noch mit der anderen Form vollkommen zufrieden bin. Vielleicht ein gesundes Zwischendrinnen, das wäre das Beste.
Ich beginne einmal mit dem deutschen Kindergarten:
Hier wird besonders darauf Wert gelegt, dass die Kinder ihre sozialen und kreativen Fähigkeiten fördern und sich entwickeln können. Je individueller desto besser. Die Kinder dürfen malen wie sie wollen, sie haben einen großen Bereich mit Spielen, aus denen sie selber auswählen können, sie können wenn sie Ruhe brauchen in die Kuschelecke, sie bekommen jeden Tag mindestens eine Geschichte vorgelesen, können sich im Toberaum auspowern, in die Bauecke, oder in die Puppenecke. Nebenher wird ihnen spielerisch vielleicht noch etwas das Zählen oder irgendwelche Feinmotorik beigebracht. Aber das wars dann auch schon.
Der Chinesische hingegen ist vollkommen anders aufgebaut. Hier legt man Wert auf Disziplin und das die Kindern im frühen Alter schon so viel wie möglich lernen. Denn erstens muss man einfach früh beginnen, wenn man mal ca. 8000 chinesische Zeichen beherrschen will und zweitens ist es sogar erwiesen, dass Kinder nunmal am Besten lernen. Die Individualität wird hierbei leider etwas links liegen gelassen, genauso wie die Kreativität. Die Kinder haben exakt das auszumalen, in den richtigen Farben am besten noch, was ihnen der Lehrer gibt. Hier heißt es still und ordentlich sitzen, leise sein, zuhören, am Besten noch verstehen was der Lehrer so von sich gibt. Nein, hier darf man nicht schreien, toben, Kind sein. Das ist traurig. Kommt bei uns in Deutschland die Disziplin und der Respekt oftmals zu kurz wird er hier überbewertet. Doch ich frage euch, was ist besser? Laizzes-faires oder autoritär? Haben wir den nicht so toll auf der Jugendleiterausbildung unseren Jugendlichen beigebracht, dass es die gute Mischung macht? Ja, aber wo ist die denn hier???
Was also, um wieder zum Anfang zurück zu kommen, machen wir aus unserer Zukunft? Aufmüpfige, respektlose „Rüpel“, oder doch lieber kleine, stille „Arschkriecher“. Ihr könnt sagen was ihr wollt, aber keiner dieser beiden Wege scheint mir der Richtige zu sein. Natürlich brauchen Kinder Disziplin und Grenzen, aber genauso sehr auch die Freiheit sie selber zu sein, Kinder zu sein und ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln.
Doch eines haben alle Kinder auf dieser Erde gemeinsam, auch wenn sie noch so unterschiedlich behandelt und erzogen werden:
Sie sind liebenswerte Geschöpfe, denen man helfen muss sich in diese komplizierte, verwirrende Welt einzufinden, die mit Liebe behandelt werden müssen und denen man auf gar keinen Fall Gewalt antun darf. Denn das hat kein Kind verdient.

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